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Martin Büssers Hunde.
In Reaktion auf den Artikel des ZK der Proseccosozialisten in Modulator009 gab es kritische Beiträge in den Redaktionen Hyperground und Jazz Funkt.
Die Redaktion Hyperground moniert in der Sendung vom 01.06.2009 vorallem die beiden Zitate von Marcus Wiebusch:
Die Redaktion Jazz Funkt bespricht in ihrer Sendung vom 05.05.2009 die gesamte Diskussion von Modulator007 - Modulator009:
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pop generation
090523:5pm - SexyKapitalismus @ frs99.2
Kein POP ist auch kein Lösung
Intervention gegen das Elend des POP zwischen altem Scheiß und neuem Mist, Betrachtung des Elends seiner Kritik. - /
Didi Neidhart - Kein Pop ist auch keine Lösung / Testcard #18 Regress - Ventil Verlag
M - POP musik /
jeffrey lewis - punk is dead /
dan le sac vs scroobius pip - thou shalt always kill /
the fall - lost in music /
meat children - POP song of my dreams /
marsha gee - peanut duck /
miss frenchie - POP generation (M vs. the who) /
boy division - love will tear us apart /
tevar - windowlickin’ ( m.i.a. vs aphex twin) /
animal collective - brother sport /
“This article assesses the link between country music and metropolitan suicide rates. Country misc is hypothesized to nurture a suicidal mood through its concerns with problems common in the suicidal population, such as martial discord, alcohol abuse, and alienation from work.”
dokumentation: Replik? Welche Replik?
[Dieser Text wurde gekürzt im Modulator 009, der Programmzeitschrift des Freien Radio für Stuttgart, abgedruckt. Hier ist er nun dem geneigten Publikum in voller Länge zugänglich gemacht.]
Die begriffslose Ehrenrettung des Pop hat keine Substanz. Sie verkommt so folgerichtig zum geistlosen Geseier über Unbegriffenes. Der Lobgesang auf das angebliche Anything Goes, an dem es sich „zu erbauen“ gelte, den Arne Braun im Modulator 008 anstimmt, entlarvt sich selbst als der Ausdruck des Niedergangs der Pop-Musik in der Bedeutungslosigkeit. Vom ZK der Proseccosozialisten
Pop-Kritik ist Bürgerkrieg.
Wenn das Konzertieren des Niedergangs der Pop-Musik durch Martin Büsser im Modulator 007 (Org. in Jungle World 44/08) als das Sprechen von „Kriegsveteranen“ attackiert wird, so spricht Arne Braun darin jene infantile Regression an, die von Marcus Wiebusch als Kopf von …but alive einmal poetisch so ausgedrückt wurde: „Probleme der // Ästhetik hälst // du für politisch. // Ach Gott wie niedlich“ (…but alive: Ein sozialkritisches Schlagzeugsolo später, B.A. Records 1999). Der hierbei exerzierte Abschied von jeglicher theoretischer Auseinandersetzung über Bedeutung, Wahrheit und Wirklichkeit von Pop-Musik kann als programmatisch für diese Replik von Herrn Braun genommen werden. Weiß doch Herr Wiebusch: „Über Musik schreiben // ist wie zu Architektur tanzen“ (ebenda). Und so wird auch die völlig willkürliche Ahnenreihe von M.I.A. über Fatboy Slim bis zu den Pogues begriffslos mit der Ehrenmedaille für „anspruchsvolle Pop-Musik“ ausgezeichnet.
Dieses konzeptlose Ausloten von Möglichkeiten, die Ignoranz gegenüber territorialen und instrumentellen Grenzen führt letzten Endes einfach zu einem Anything Goes, einer völligen Beliebigkeit. Denn wo einstmals das Aufheben alter Fronten tatsächlich für anspruchsvolle, eventuell sogar emanzipatorische Ansätze gehalten wurde, da entpuppt sich das bei genauer Betrachtung auch nur als eine genauso beschränkte und vor allem langweilige (und damit konterrevolutionäre) Frontstellung; diesmal halt gegen die Front, die Grenze, das Genre. Letzteres bleibt als bestimmende Kategorie jederzeit selbst erhalten, da es zur Vermarktung der Ware Pop-Musik unerlässlich ist.
Dummheit ist wie Schwachsinn – die Dreistigkeit entscheidet
Wozu es führen muss, den Diskurs über Pop(-Musik) als überholt wie seine Protagonisten zu brandmarken, führt uns Herr Braun direkt anschließend in aller Konsequenz vor. Er hat kein Bewusstsein von Wissenschaft(lichkeit), keinen Begriff von Kunst und keine Kritik an Kultur. Ein Vergleich von Kunst und Wissenschaft, wie von ihm intendiert, hätte zuallererst die Kritik ihres jeweiligen Betriebes zur Grundlage. Denn Kritik würde von vornherein das Geschwafel über den „Platz zwischen den Disziplinen“ und den „wirklich wichtigen Fragen“, die sich „an den Schnittstellen der Fächer bzw. Genres“ abspielen würden, als positivistisches Totschweigen und fetischistisches Verschwinden der Produktions-, Distributions-, Austausch- und Konsumtionsverhältnisse im Kontinuum der Wissenschaft oder Kunst entlarven. Denn mal rein formal betrachtet gibt es keine Schnittstelle wo ein freier Platz ist, und keinen freien Platz wo es Schnittstellen gibt. Oder empirisch: gerade dort, wo jegliche Entwicklungsprozesse blockiert sind, jede Dynamik zerstört ist und der Konservatismus fröhlich Urständ feiert, gibt es den meisten Nachwuchs und zwar auf der Seite der Produzent_innen wie auf der Seite der Konsument_innen, wie uns Punk, Rock und Hip Hop dauernd beweisen.
Die Aufgabe von „Schreiben über Pop“, genauer: von Pop-Kritik, wäre doch eher die, in der Tradition von Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und der Situationistischen Internationalen, den Blick darauf zu lenken, ob die Kultur der Wissenschaft und die Kultur der Kunst in der aktuellen geschichtlichen Epoche als ein Komplex von Verhaltensnormen und –regeln überhaupt emanzipatorisch wirken kann. Denn die unhinterfragte Abfeierei dieses zur völligen Beliebigkeit verkommenen Anything Goes, also die Affirmation dieser Kulturen, biegt potenziell emanzipatorische Bestrebungen in Kunst wie in Wissenschaft auf das schlechte Bestehende zurück, schwört sie auf konstruktive Teilnahme ein oder rekuperiert diese zur oberflächlichen Modernisierung des Bestehenden. Wer dann vom Selbstzweck der Kultur schwafelt, macht ganz deutlich klar, auf welcher Seite der Barrikade er in diesem ideologischen Bürgerkrieg steht.
Die Pop-Kritik ist tot. Es lebe die Pop-Kritik!
Auch Herr Braun kommt nicht daran vorbei Büsser insoweit recht zu geben, als dass jenes Sprechen, welches die sogenannte Pop-Linke ausmachte, überholt ist. Da er aber – zu Recht – anmerkt, dass Pop-Musik nicht tot ist, stellt sich die Frage, warum sich denn die Pop-Kritik nicht als Moment des Pop auch modernisieren sollte, unter Umständen sogar radikalisieren. Radikale Pop-Kritik wäre die Überschreitung der Grenzen des Feuilletons und der Übergang zu einer Darstellung, die unter kapitalistischen Verwertungsverhältnissen immer Kritik ist, „wie sie entsteht im Idealfall sogar, warum“ (Mark Terkessidis). Also eine Untersuchung der Produktion, der Zirkulation und der Konsumtion und der sie bestimmenden ökonomischen Verhältnisse. Womit man dabei konfrontiert wird, eignet sich schlecht für das elitistische Gehabe, jenes Pop-Geheimwissen und auch nur begrenzt für die eigene Plattensammlung. Dafür eignet sich vielleicht noch das kanadische Constellation-Label (Godspeed You! Black Emperor, the silver mt zion memorial orchestra & tra-la-la band), bedingt noch Anti-Folk. Wo die Grenzen der getrennten Sphären tatsächlich aufgehoben werden, da wird es selbstverständlich schmutzig, da möchte man als Pop-Journalist nicht hin, obwohl Blumfeld es doch geradezu empfehlen. „Da“, das ist Myspace, das ist Bastard-Pop, das ist E-Mule und Soulseek, das ist als technische Bedingung mp3.
Mp3 is gonna make us free!
Diese fundamentalen Veränderungen werden von der Pop-Kritik kaum oder nur randständig behandelt, was Ausdruck ihres Niedergangs oder ihres affirmativen Bewusstseins ist. Herr Brauns zustimmendes Zitat von Steven Patrick Morrissey, dass Musik früher „viel kostbarer als heute“ gewesen sei, drückt die kulturpessimistische Grundhaltung beider aus. Früher war auch fließendes Wasser, elektrischer Strom und die Fähigkeit zu lesen „viel kostbarer als heute“. Wer kann (oder will) darin Schlechtes erkennen? Nur der Indie-Boy (der in der Regel tatsächlich ein Mann ist), der stolz auf seine exklusive Plattensammlung ist, dessen Bedeutsamkeit sich maßgeblich über Ausschlüsse anderer definiert und für den das „sharing“ (die englische Bezeichnung ist ein viel emanzipativerer Ausdruck als das deutsche „Tauschen“) eine existenzielle Bedrohung darstellt. Dass eine Entwertung der Musik durch den Verfall des Preises, potenziell sogar der Abschaffung desselben, befördert werden würde, zeigt genau diesen Komplex von Verhaltensnormen und –regeln der Kultur unter den gegebenen Produktionsverhältnissen. Und dieser Ideologie, dieser Alltagsreligion, die sich jeden Wert nur als Preis(schild) vorstellen kann, gilt es Pop-Kritik entgegen zu halten, die diesen Namen auch verdient. Denn auf ästhetischem Gebiet gibt es nichts zu schreiben, da dort schon lange nichts mehr bedeutendes geschieht.
Die Möglichkeit mit der heute zunehmend mehr Leute über mehr Musik verfügen können, und mögen die Umstände für den Plattensammler noch so ungewohnt sein, ist zu begrüßen. Pop-Musik wird endlich – nicht nur in ihrem „anspruchsvollen“ Teil – aus der Exklusivität, in der sie lange genug schwebte, ins Licht der allgemeinen Beachtung gezerrt, so sehr sich die musikproduzierende Industrie auch dagegen sträuben mag. Dass jenes Mittelschichtenphänomen Filesharing zunehmend auch für die „Underdogs“ erschwinglich wird, ist dabei einfach nur zu begrüßen.
Ähnlich verhält es sich mit dem technologischen Fortschritt der Software, die zum Herstellen von Musik benutzt werden kann und genauso mit den Wegen sich diese zu beschaffen. So verflacht die traditionelle Hürde des Instrumentenlernens der musikalischen Kreativität zunehmend und ermöglicht heute in einer immer weniger elitären Weise so vielen Menschen wie noch nie, aktiv an der Herstellung von Musik mitzuwirken. Zur Verteilung des produzierten Materials werden auch keine Lables und Vertriebe mehr benötigt und der/die Rezipient_in kann mit dem von ihm/ihr konsumierten Material selbst wieder produzierend in diesen Kreislauf eintreten. Das ist in einer Form anti-rockistisch, von der selbst Punk nur träumen konnte. Und genau diese Aufhebung, nicht von Genregrenzen, sondern von denen zwischen Produzent und Konsument, sind die emanzipative Entwicklung der vergangenen Jahre. Deren Nichtbeachtung, Fehlinterpretation oder arrogante Ignoranz ist der Grund, warum die Pop-Kritik ihr Dasein als ein radioaktiver Kadaver der Pop-Kultur fristet.
Smalltalk & Plätzchenbacken
Der Duktus, in dem die Replik des Herrn Braun abgefasst ist, verstellt den Blick auf den Inhalt. So ist auch nach mehrmaligem Lesen nicht vollständig erkennbar, was denn eigentlich die Position des Herrn Braun darstellt. Es finden keine Bezüge auf Martin Büsser statt, geschweige denn dessen Text – warum fungiert es dann diesbezüglich als Replik, wie ja der Text von Arne Braun vollmundig ankündigt? Ein bisschen wird hier und da kulturpessimistisch rumgenörgelt, dann soll aber wieder alles nicht so schlimm gewesen sein. Ein solches Schreiben ist noch viel verachtenswerter als die größten „Bullshit“-Artikel in den Annalen der Spex; es will nichts und es kann auch nichts. Woher auch? Ist doch Herr Braun nur Vertreter seiner elendigen Zunft. Eine Zunft, deren Ausdruck von Unwillen und Unfähigkeit zur Auseinandersetzung über den verhandelten Gegenstand gerade in der sogenannten Kulturszene Urständ feiert. Hier genügt es, labernd Allgemeinplätzchen zu backen, die keinem weh tun, sondern nur das Ausmaß der Langeweile beständig erweitern.
So könnte man abschließend ebenfalls mit Marcus Wiebusch diesen Charakter treffend zusammenfassen: „Und ab und zu auf Demos gehen, // Grün wählen, // Spiegel lesen, // Sting hören, // Greenpeace spenden - // Sich bewusst ernähren“ (…but alive: Betroffen aufessen, Weird System 1995).
EDIT 090625:
Reaktionen im FRS auf das Erscheinen dieses Textes: Martin Büssers Hunde
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